Die Tuchfühlung und ihre Umfragen

Ausgaben des Campusmagazins Tuchfühlung (Chemnitz)

In meiner Rezension der letzten Ausgabe des Chemnitzer Campusmagazins Tuchfühlung hatte ich ja bereits auf Mängel in der damaligen Umfrage zum Thema Karriere hingewiesen. Nun hat die Tuchfühlung eine neue Umfrage gestartet, die sie eifrig über die Verteilerlisten der Uni bewirbt. Es geht um das Kaufverhalten von Studenten, doch genau darüber werden die Redakteure wenig herausfinden, zumindest wenn sie die Umfrage in dieser Form tatsächlich verwenden.

Das erste Problem stellt erneut das verwendete Umfrageskript dar: Dieses wertet alle Fragefelder getrennt aus und erstellt daraus Balkendiagramme. Verknüpfungen alá „Wer Maschinenbau studiert gibt weniger Geld für Lebensmittel aus“ oder „Wer auf Biosiegel achtet kauft dennoch preisbewusst“ sind damit schon technisch überhaupt nicht möglich. Das Onlineskript prüft noch nicht einmal ob alle Felder der Umfrage ausgefüllt sind, geschweige denn ob die Antworten auch nur halbwegs plausibel sind. Dies ist ein technisches und relativ einfach zu lösendes Problem.

Das zweite und weitaus größere Problem offenbart sich, wenn man die einzelnen Fragen der Erhebung genauer unter die Lupe nimmt: „Was landet am häufigsten in deinem Einkaufswagen?“, fragt die Tuchfühlung und stellt Grundnahrungsmittel (Brot, Reis, Nudeln) / Wurst und Käse aus der Theke / Obst und Gemüse / Alkohol / Zigaretten und einigen andere Produkten des täglichen Bedarfs zur Wahl. Jetzt heißt es als befragter Student genau überlegen, denn nur eine einzige (!) Antwort ist bei dieser Frage möglich. Es mag ja sein dass es Studenten gibt, die sich nur von Zigaretten oder nur von Alkohol ernähren oder die solche Fans von Wurst und Käse sind, dass sie diese immer pur essen. Der überwiegende Teil wird aber zwangsläufig entweder besagte Grundnahrungsmittel oder den Punkt Fertiggerichte ankreuzen (z.B. Leute, die keinen eigenen Herd haben). Die Fragestellung ist in dieser Form also überhaupt nicht zielführend, sondern schlicht ziemlich sinnlos. Selbst ein Hardcore-Alki legt sich zu seinem Kornbrand noch zwei Dosen Ravioli auf das Kassenband und setzt dann frohen Mutes und vor allem wahrheitsgemäß sein Kreuz bei den Fertiggerichten.

Aus irgendeinem Grund scheint unser Studentenmagazin zudem davon auszugehen, dass die Studenten der TU Chemnitz gerne stehlen. Nur so lässt sich die leitende Frage „Was hast du schonmal im Uni-Edeka geklaut?“ interpretieren. Alkohol, Zigaretten (wie das bei den Gittern an der Kasse gehen soll, ist mir schleierhaft), aber auch Nudeln oder Wurst stehen zur Wahl. Tiefkühlkost lässt sich anscheinend nicht stehlen, wer theoretisch gerne Glühbirnen oder Zeitschriften mitgehen lässt, kann auch nichts ankreuzen.  Zudem scheint das Langfingertum sich nur auf den Campus-Edeka zu erstrecken, wer bei Penny, Netto, Aldi, Lidl oder wo auch immer seine Taschen füllt, kann ebenfalls keine wahrheitsgemäße Antwort geben. Viel merkwürdiger ist jedoch, dass anders als bei der vorherigen Frage hier Mehrfachantworten möglich sind.

Beide Beispiele belegen wie unsauber die vorliegende Umfrage erstellt wurde. Viele mögliche Antwortkonstellationen werden überhaupt nicht abgedeckt. Zudem scheint die Befragung unter großem Zeitdruck entstanden zu sein, nur so lassen sich die teilweise ziemlich hingehuschten Antwortmöglichkeiten erklären:

Frage: Was ist Einkaufen für dich?
1.
Überlebenskampf, muss leider sein
2. Erlebnis und Spaß pur
3. Ich lass lieber andere für mich einkaufen

Hm tja, ein paar gemäßigte Aussagen wären jetzt schön. Vielleicht ist es eine Mischung aus Spaß und Pflicht, vielleicht ist es aber auch von Tag zu Tag verschieden, vielleicht auch abhängig davon, ob ich vorher Fragebögen der Tuchfühlung ausgefüllt habe…ihr versteht was ich meine.

Die Umfrage zum Einkaufs-/Klauverhalten der Studenten ist nichts Halbes und nichts Ganzes: Sinnvolle Fragen nach Studiengang, Geschlecht, Einkommen werden mit unausgegorenen Fragen wie den hier vorgestellten kombiniert. Das verwendete Umfrageskript lässt keine Kombination der Ergebnisse zu. „Die meisten Studenten geben zwischen 50 und 150 Euro für Lebensmittel aus“, steht eventuell später im Artikel. Aber: Über die Gründe hierfür kann das Heft dann trotz aufwendiger Umfrage nur spekulieren. Vielleicht sparen die genannten Studenten, oder sie kaufen wenig Bioprodukte oder sie klauen einfach alles aus dem Edeka. Vielleicht sind die Studenten, die 50 bis 150 Euro für Lebensmittel ausgeben aber auch einfach komplett andere, als die welche im Bottler-Markt Wein und Wurst mitgehen lassen. Genau bei dieser spannenden Frage muss die Tuchfühlung mangels ausgereifter Umfragetechnik passen. Das ist schade, denn so bleiben die wahren Hintergründe des studentischen Einkaufsverhaltens weiter im Dunkeln.

Ergänzung (19. März): Die Tuchfühlung hat die Umfrage jetzt klammheimlich von ihrer Seite entfernt. Nach Erscheinen des Heftes  kann so natürlich leider niemand mehr feststellen, welche Fragen gestellt wurden und wie die Ergebnisse zustande gekommen sind. Gut, dass ich mir vorher ein PDF davon gespeichert habe. Hier also  die Umfrage der Tuchfühlung zum nochmal nachlesen.

Advertisements

Eine Antwort zu “Die Tuchfühlung und ihre Umfragen

  1. Hoffentlich schickst du den Redakteuren des Magazins auch regelmäßig Links zu deinen Beiträgen. Vielleicht sollten die sich lieber auf eine Art Poll beschränken mit einer einzigen Frage, 2 Antwortmöglichkeiten und einer 0137-Nummer für 49 Cent pro Minute aus dem Deutschen Festnetz, Handykosten können abweichen…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s