Blick in die Beliebigkeit: Tuchfühlung Nr. 08 ist da

Tuchfühlung Campusmagazin Ausgabe 08

Die neue Tuchfühlung ist da und ich habe sie mir zwecks Analyse natürlich unverzüglich zugelegt. Wird das Chemnitzer Campusmagazin an den zahlreichen Kritikpunkten ihrer Leser gearbeitet haben? Erwartet uns eine von Grund auf reformierte Tuchfühlung? – Dass dem nicht so ist, verrät eigentlich schon das Titelbild: Auf einem neun mal sechs Felder großen Raster präsentieren sich Chemnitzer Studenten, die sich – so suggerieren zumindest die nackten Schultern – für das Heftcover entblößt haben. Hintergrund und Fotos wirken fast wie aus einer Krankenakte. Die Idee ist nicht neu, es drängen sich Parallelen zum Titelbild des STERN aus dem Jahr 1971 auf. „Wir haben abgetrieben“, lautete die Überschrift damals und der (organisierte) Skandal war perfekt:

Tuchfühlung zitiert den STERN 1971
Zum Vergleich: Links die aktuelle Tuchfühlung – rechts das bekannte STERN-Titelbild aus dem Jahre 1971.

Doch zwischen beiden Titel-Collagen besteht ein himmelweiter Unterschied: Die Gesichter des STERN bekamen durch die Provokation des öffentlichen Gesetzesbruches ihre Aussage – bei der Tuchfühlung sind zwar 54 Bilder da, aber die Aussage fehlt. Ich habe das Editorial gelesen und dann den Rest des Heftes und nirgendwo eine Erklärung gefunden. Das ist schwach und verleiht dem Titelbild den Anschein einer voyeuristischen Effekthascherei, die zum Kauf verleiten soll, jeglichen hintergründigen Inhalt aber schuldig bleibt.

Zu diesem Problem kommt ein weiteres: Ob es um das ewige Thema Auslandsstudium, Fernbeziehungen, den Abriss in Chemnitz oder die Vorstellung der Modell-UN-Gruppe geht – es fehlt dem Heft an einer neuen Herangehensweise an altbekannte Themen, an einer frischen, studentischen Perspektive. Ein Satz im Artikel über das Internationale Universitätszentrum könnte dieses Manko nicht deutlicher machen: „Es [das IUZ] informiert Dich auf seiner Homepage über die Teilnahme an Austauschprogrammen[…]“ Genau, auf seiner Homepage. Es besteht keine Veranlassung den Artikel tatsächlich weiter zu lesen, weil sich praktisch alle Informationen – mit Ausnahme einiger ausschließlich lobender Zitate von Austauschstudenten – auch auf der TU-Webseite finden. Die Tuchfühlung will sich von den unieigenen PR-Heften („TU Spektrum“) abgrenzen, liefert aber teilweise die gleichen Informationen und Geschichten in anderer Hülle. Die Vorstellung des Studienganges Europastudien ist ein einziges PR-Loblied. Zitat: „Die TU Chemnitz ist eine der wenigen deutschen Hochschulen, welche den Bachelorstudiengang Europastudien anbieten. So verwundert es nicht, dass junge Menschen aus allen Gegenden Deutschlands nach Chemnitz kommen und man sie wenige Jahre später, als Experten für Europa, überall auf dem Kontinent antreffen kann.“ – Mal abgesehen von der schwammigen Aussage dieses Schlusssatzes, wenn da nicht gut lesbar die Kürzel von mehreren Redakteuren stehen würden, hätte ich glatt Pressesprecher Mario Steinebach hinter dem Artikel vermutet. Und dessen Aufgabe ist es ja auch, die Studiengänge konsequent in ein möglichst gutes Licht zu rücken. Nicht zuletzt leidet der genannte Text, wie überhaupt die gesamte Artikelreihe, aber auch an der nicht vorhandenen Zielgruppe: Wer Europastudien studiert, findet den Studiengang doch schon gut und wer es nicht tut, der liest bestimmt nicht die Tuchfühlung um herauszufinden, was er auch kostenlos in der Studienberatung erzählt bekommt. Weitere Beispiele für diese Art der Berichterstattung sind der schon erwähnte Artikel über die Modell-UN-Delegation und der Artikel über Gebäudeabrisse auf Seite 24. Distanz wird simuliert, dann aber unkritisch das Vokabular der Städteplaner verwendet: ‚Rückbau‘ ist aber auch ein schönes Wort für den Abriss von Chemnitzer Stadtteilen in der näheren Zukunft.

Tuchfühlung: Chemnitz in der Welt
Das Titelthema der Tuchfühlung: Klingt wahlweise nach provinzieller Selbstbeweihräucherung oder nach PR-kompatibler Langeweile

Die Tuchfühlung und ihre Umfragen lautete mein letzter Artikel zum Thema, in welchem ich die zweifelhaften Befragungen des Magazins kritisiert hatte. Nicht-zielführende Fragestellungen, unsinnige Antwortkonstellationen und ein Umfrageskript, welches das Verknüpfen von Feldern nicht erlaubt, stellten die Brauchbarkeit der Ergebnisse von Anfang an in Frage. Der jetzt erschienene Artikel zeigt vor allem, mit wie viel Mühe die Redakteure diese Unzulänglichkeiten hinter allerhand schöner Sprache verstecken. Da werden erst uralte und vermutlich gar nicht vorhandene Klischees künstlich aufgebauscht („Studenten können nicht kochen, bloß auftauen; sie achten nie aufs Verfallsdatum und werden in Notsituationen auch mal zu Langfingern“) und dann – oh Wunder – widerlegt. „Was landet am häufigsten in deinem Einkaufswagen?“, fragte die Tuchfühlung und ließ nur die Möglichkeit der Einfachantwort. Was kauft der typische Student denn nun: Alkohol, Zigaretten oder Süßigkeiten? Natürlich nicht, denn selbst ein Alkoholiker legt sich zu seinem Kornbrand noch eine Packung Nudeln aufs Band. So antworten denn auch 43 Prozent der Teilnehmer, dass sie eben am Häufigsten Grundnahrungsmittel kaufen. Das ist wenig überraschend und verdeckt zugleich, dass hier eine differenzierte Mehrfachantwort  sinnvoller gewesen wäre. Andere Fragen werden einfach gleich ganz ausgeklammert: So bleiben die Autoren schuldig, welche Artikel die Studenten im Uni-Edeka angeblich am häufigsten klauen (Siehe Frage 10: Was hast du schon mal im Uni-Edeka geklaut?).

Auch sonst hat die Tuchfühlung wenig Glück mit der Empirie: Im Artikel „Beziehungsprobe Ferne“ heißt es in Bezug auf eine ungenannte Studie, dass jede achte Beziehung in Deutschland eine Fernbeziehung sei. Soweit so gut. Doch dann rechnet das Magazin diesen Wert auf die Studentenzahl der TU Chemnitz um (angeblich gebe es 646 Fernbeziehungs-Studenten!) – was statistisch schlicht unhaltbar, ja grob falsch ist. Von der allgemeinen Bezugsgruppe der Studie kann nicht automatisch auf das völlig unterschiedliche Milieu der Studierenden geschlossen werden! Die tatsächliche Zahl der Fernbeziehungen liegt also eventuell deutlich höher oder niedriger – etwa weil Studenten generell flexibler sind, oder weil jüngere Menschen eher zu einer lockeren Beziehungsstruktur neigen, oder weil in Städten ab 200.000 Einwohnern die Zahl der Fernbeziehungspaare stark ansteigt…usw.

Tuchfühlung mit Audio-CD von LEGO-Sputnik
Tuchfühlung mit Gratis-Gimmick: Auf beigelegter CD spielt die Studentenband L.E.G.O. Sputnik

Die genannten Fehler und Problemfelder sollen aber nicht verdecken, dass es auch eine Reihe gelungener Artikel in der Tuchfühlung Nr. 08 gibt. Gut hat mir dieses Mal die Kolumne von Burkhard Müller gefallen, die einen kritischen Blick auf die ständig wachsende Blechlawine in Chemnitz wirft. Der Autor präsentiert die Parkhäuser als prägende Architektur der Innenstadt und bestätigt damit eine Beobachtung, die ich auch schon gemacht habe: In der „Stadt der Moderne“ werden fast ausschließlich Parkhäuser und Tiefgaragen gebaut! Interessant fand ich auch den Artikel von Martina Boch über den Wandel im Flirtverhalten der Chinesen. Schenkt man ihrem Erfahrungsbericht Glauben, dann vollzieht sich hier ein radikaler Wandel, dessen Folgen noch kaum absehbar sind. Ihre verknüpfte Kritik am chinesischen Regierungssystem fällt jedoch – vermutlich auf Grund der Länge des Artikels (eine Seite) – etwas knapp aus.

Ein positives Signal gibt auch die – anscheinend neu eingeführte – Leserbriefseite, die Feedback und Kritik am Heft bündeln soll und mit zwei Erwiderungen gegen die Galgen-Kolumne der letzten Ausgabe aufwartet. Dieses Mal widmet sich die genannte Kolumne der Ausbildung von Rektor Matthes als „Professor der Schweißtechnik“ und nimmt – haha superlustig – dies zum Anlass für allerhand leicht pubertäre Wortspiele mit dem Wort Schweiß (Schweißgeschichte hihi, Schweißwirtschaft hoho). Das mag mögen wer will, ich persönlich denke aber die Tuchfühlung tut sich mit derart flachen Banalitäten keinen Gefallen – insbesondere wenn sich die Zeitung sonst ja offenkundig (vgl. den kritischen Artikel über niveauloses Radio auf Seite 36) durchaus einem gewissen Anspruch verpflichtet fühlt.

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7 Antworten zu “Blick in die Beliebigkeit: Tuchfühlung Nr. 08 ist da

  1. Vermasselte Umfragen hin, oberflächliche Artikel her – etwas gutes hat die Tuchfühlung doch zu bieten: Notorischen Nörglern Nahrung für ihren Reflex. Da kann man mal so tun, als hätte man was zu sagen, als wär man wer, als wärs was wert wenn man sich äußert. Elysium! Da: bäh. Und dort: nee! Und hier? Nicht nachgebessert? Sapperlott! Ranicki-Syndrom; nie ein Buch geschrieben, aber gerne welche abklatschen. Das nennt man dann Kritik (die Bild spricht gern von Pressefreiheit; die Bild!). Na dann … Vorm Wichsen schnell sich selbst gegoogelt; dem hab ichs gegeben; gutes Gefühl. Wie essen ohne anzubauen, und dann schmeckts nicht mal. Nichts bewegt, null Verändert, keine Mühe — aber trotzdem: gutes Gefühl. ——— Prost, Mahlzeit!

  2. Da kann wohl jemand mit Kritik nicht umgehen. Notorischer Nörgler? Das trifft mich nicht. Wenn es nach dir ginge, dürfte man wohl weder die Tuchfühlung noch irgendein anderes Medium kritisieren. Plurale Meinungsfreiheit, wozu denn? Ich denke der Rest deines Beitrages spricht für sich, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Nur eines habe ich nicht ganz verstanden: Wie war das mit der Nahrung und dem selbst anbauen? Und wo ist da der Bezug zu meiner Rezension?

  3. Ich finde den Artikel, auch wenn er mich als Schreibenden woanders nur am Rande betrifft, echt gut. Danke, ist schön, mal zu erfahren, was Studenten in Medien für Studenten gerne hätten.

    Außerdem finde ich deinen Artikel absolut sachchlich geschrieben.

    Vielleicht hat die junge Dame den Nestbeschmutzer-Komplex, und hätte dich früher bei mangelnder Linientreue auch gerne direkt bei der Stasi verpfiffen?

    Wie kann man nur den Mist, den andere bauen kritisieren, wenn man selber noch nie welchen gebaut hat? Unerhört! 😉

  4. Wenn sich ein Heft über 3 hier rezensierte Ausgaben immer die gleichen Fehler erlaubt und keinerlei Besserung aufweist, dann finde ich weitere Kritik durchaus berechtigt. Diese Kritik könnte Augen öffnen, doch man schließt sie anscheinend lieber. Zumal er auch ein paar gute Sachen dran gelassen hat.
    Meine Meinung: chemnitzblog4editor, dann könnte aus dem Papierprügel vielleicht noch was werden.

  5. Zur Aussage über ES (“Die TU Chemnitz ist eine der wenigen deutschen Hochschulen, welche den Bachelorstudiengang Europastudien anbieten. So verwundert es nicht, dass junge Menschen aus allen Gegenden Deutschlands nach Chemnitz kommen und man sie wenige Jahre später, als Experten für Europa, überall auf dem Kontinent antreffen kann.”):

    Ich wusste schon immer, dass Chemnitz the City of Sex and Business ist, deswegen kommen hier alle, die Abendteuer suchen! 😉

  6. jedenfalls gibts ne Cd für 1.30 Euro 🙂

  7. Pingback: Tuchfühlung will’s wissen « Studieren in Chemnitz – Das Blog

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