Chemnitz zieht weg

Die offizielle Seite: Chemnitz zieht an

Betont trendig gibt sich die offizielle Seite zur Standortwerbung – und präsentiert genau 41 offene Stellen (davon  exakt 0 in den Geisteswissenschaften)

Bereits seit letztem Jahr läuft in der Stadt die Kampagne „Chemnitz zieht an“. Dabei geht es nicht um eine Initiative für die gebeutelte Modebranche, sondern um die Faktoren Arbeit, Wohnen und Leben. Folgt man dem Text der Webseite, so gibt es von allen Dreien mehr als genug in Chemnitz. „Fehlen nur Sie“, verspricht die Webseite großspurig.

Passend dazu gibt es seit einigen Wochen eine neue Plakatkampagne der Stadt. In insgesamt acht Motiven werden die Vorzüge des ehemaligen Manchester des Ostens bzw. der neuen Stadt der Moderne hervorgehoben. Über die Qualität von so Wortspielen wie „Ein Heym für die Besten“ (Internationaler Stefan-Heym-Preis) oder „Täglich 3400 Chemnitzer unter der Haube“ (Arbeiten in der Automobilindustrie) lässt sich natürlich streiten. Es fällt jedoch auf, dass die Thematisierung von Chemnitz recht einseitig ist: Vier Motive heben Architektur und Kunst von Chemnitz hervor, darunter nehmen zwei Bezug auf das Bauhaus (wobei Dessau auf diesem Gebiet weitaus mehr zu bieten hat). Zwei Plakate beziehen sich auf die angeblich florierende Wirtschaft (Automobilbau und Gründergeist) und eins betont den Bezug zur Heimat (Erzgebirge). Jugendliche oder Studenten sind nicht zu sehen, die Stadt der Moderne präsentiert sich nicht als Jungbrunnen.

Die Satire: Chemnitz zieht weg

Beissender Spott auf den Plakatmotiven der Satireseite: Chemnitz beschreitet demnach gerade „neue Wege der sogenannten ‚lückenhaften‘ Architektur“

„Das kann ja nun nicht sein“, dachten sich einige junge Kreative (Vermutung!) und haben die Satireseite „Chemnitz zieht weg“ gegründet. Darauf präsentieren sie seit ein paar Tagen vier verschiedene alternative Plakatentwürfe. Heißt es auf dem Originalplakat „Möchten Sie mal ein paar ganz Bekannte treffen? Zum Beispiel Typen, die international Aufsehen erregen?“ (gemeint sind bekannte Künstler, deren Werke im Museum Gunzenhauser stehen, haha!) – so kontert das Fake-Motiv: „Möchten Sie mal ein paar junge Chemnitzer treffen? Zum Beispiel lebendige Typen, die lokal Aufsehen erregen? Dann verabreden Sie sich nicht in Chemnitz. Hier gibt es nur noch wenige Exemplare, was kein Wunder ist, wenn man die Diskussionen um Sommeruni und experimentelles Karree verfolgt. Wer hier was bewegen will, muss hart im nehmen sein – denn wer braucht schon Subkultur?“ Der Spott ist also beissend und trifft den Kern des Problems ziemlich gut: Wer mit dem Studium fertig ist, zieht meist weg aus Chemnitz. Aus so prestigeträchtigen Projekten wie dem „Brühl Boulevard“ ist rein gar nichts geworden (immer noch ist das Viertel fast so tot wie vorher), um 20 Uhr werden die Bürgersteige spürbar hochgeklappt und der aktuelle Trend zum Abriss von Altbauten trägt natürlich auch nicht gerade zu einem geschlossenen Stadtbild bei (wobei natürlich das Überangebot an Wohnungen dennoch immens ist). Laut Ankündigung bzw. aus Sicht der Bürgermeisterin wohl eher Androhung werden die Motive auch „in den kommenden Wochen in der Stadt zu sehen sein“.

Nur bei einer Sache sind sich die Macher von „Chemnitz zieht weg“ anscheinend ziemlich sicher: Die Stadt Chemnitz versteht  vermutlich keinen Spaß, wenn es um ihr lädiertes Selbstbild geht. Die Satire-Domain wurde anonym registriert, für ein paar Euro mehr kann man bei dem gleichen Anbieter auch Spamserver monatsweise anmieten. Vielleicht ist das ja auch eine Option für die offizielle Kampagne?

Ergänzung: Laut Chemnitzer Freie Presse sind die Poster schon in der Innenstadt plakatiert. Zitat: „Die Poster im A-3-Format klebten an der Galerie Roter Turm, am Plaza und an Hauswänden am Getreidemarkt.“

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