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Besuch im Kosmonautenzentrum

Kosmonautenzentrum Chemnitz

„Der Weltraum . Unendliche Weiten. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs…“ – halt, schon falsch! Wir fliegen natürlich nicht in den Weltraum, sondern in den Kosmos. Und zwar mit einer sowjetischen Raumkapsel. Doch zuvor gilt es ein knüppelhartes Raumfahrer…äh…Kosmonautentraining zu absolvieren. Zum Glück gibt es in Chemnitz zu diesem Zweck das Kosmonautenzentrum Sigmund Jähn, welches an den Pionier und ersten Deutschen im All erinnert. Nach der formlosen Anmeldung (Studenten 2 Euro, Erwachsene 2,50 Euro) werden wir ins Trainingszentrum geführt. Zwei sehr ernst guckende Grundschüler sollen in fünf Disziplinen unsere Kosmostauglichkeit testen: Wissenstest, Sehtest, Konditionstest, Gleichgewichtstest und Reaktionstest. Wir fangen mit der Kondition an, wer weiß wie ausgepowert wir nach den anderen Prüfungen sind.

Kosmonautentraining in Chemnitz
Noch sieht alles gut aus…ein erfahrener Kosmonaut erläutert uns die Funktionsweise des Trainingsgerätes

Es gilt stabiles Laufband durch schnelles Laufen in Bewegung zu setzen. Für unsere Altersstufe (über 9. Klässler) muss man mindestens 300 Umdrehungen in 30 Sekunden schaffen. Na, das sollte doch zu schaffen sein. Wie ein Olympia-Läufer starte ich durch, gebe  Tempo und strample mir die Beine aus dem Bauch. Wenn das keine Bestzeit war! Erschöpft drehe ich mich um: 346 Umdrehungen, geschafft wenn auch nur knapp. Dafür bin ich jetzt geschafft. Aber wer weiß, wie ausgepowert ich nach den nächsten Prüfungen erst bin! Also entscheide mich schnell für den Wissenstest. Die Fragen zu Sojus, Apollo und Saturn bringen mich nicht aus dem Konzept, mit solidem Halbwissen hangeln wir uns durch die Aufgabe. Unser Trainer schaut kritisch und vermerkt den erfolgreichen Abschluss dann doch auf der Trainingskarte.

Es folgt der Sehtest: Die Buchstaben sind ziemlich groß und lassen sich ohne Probleme lesen. Als ich mir an die Nase fasse, weiß ich auch warum: Ich habe meine Brille auf. „Gibt es überhaupt Kosmonauten mit Brille?“, frage ich. „Nein“, lautet die knappe, aber bestimmte Antwort unseres Trainers. Ja, na da haben wir jetzt ja ein Problem… Zum Glück überbrückt der Grundschüler die peinliche Situation, indem er uns vorschlägt, trotzdem noch den Gleichgewichtstest zu absolvieren und danach am Kosmosflug teilzunehmen. War das ein Angebot mich quasi unter der Hand doch noch an Bord zu mogeln? Ich gucke mich vorsichtig um, aber niemand scheint das gewagte Angebot des Pioniers bemerkt zu haben. Schnell willige ich ein. Wollen wir nur mal hoffen, dass meine Brille später beim Sicherheitscheck nicht doch noch zum Problem wird…

Kosmonautentraining in Chemnitz

Doch zuerst wartet der Gleichgewichtstest auf mich und meine tapfere Begleiterin. Auf einer Art Bürodrehstuhl werden wir fünf Mal um die eigene Achse gedreht, dann müssen wir aufstehen und eine gerade Linie entlang laufen. Hört sich einfach an, ist aber verflucht schwierig. Ich torkele über die ersten vier Berührungssensoren am Boden, falle dann fast hin und muss von den beiden Trainern gestützt werden. Die fünf tippe ich noch an, dann falle ich fast hin und der Test ist beendet. „Leider durchgefallen“, vermerkt der Trainer. Das war’s. Aus und vorbei der Traum vom Weltraumflug!

Oder doch nicht? Wir kriegen zwei Flugkarten in die Hand gedrückt und ehe wir es uns versehen, sitzen wir schon in der Rakete. Mutige Raumpioniere haben alle Vorschriften und Richtlinien des staatlichen Weltraumapparates hinter sich gelassen und uns trotz Brille und miserablem Gleichgewichtsvermögen an Bord gebracht.  Wir fühlen uns wie heimliche Helden! Wo soll die Reise hingehen? Einmal um die Erde, bitte. Zu den Klängen von Major Tom („Völlig schwerelos von der Erde…“) heben wir ab. Die Instruktionen kommen von einer Kosmonautin aus dem Bodenzentrum. Sie trägt Make-up und Ohrringe. Wir lernen: So ein Raumflug ist eine viel lockerere Sache, als man immer glaubt.

Raumflug im Kosmonautenzentrum Sigmund Jähn

Eine Viertelstunde später haben wir einen Waldbrand in der Steppe gemeldet, die Umweltverschmutzung der chinesischen Flüsse kritisch beäugt und mit einem kosmischen Hammer unser Schiff fast demoliert. Genug für einen Tag im Kosmos, das finden auch die Grundschüler. Sicher landen wir wieder auf der Erde. Als wir aus der Tür treten, ein kritischer Blick: Doch ja, Chemnitz ist noch da!

Das Kosmonautenzentrum Sigmund Jähn findet ihr im Küchwald hinter dem Schloßteich. Es hat Dienstag bis Freitag von 14 bis 17 Uhr geöffnet, Sonntag (nicht in den Sommerferien) auch von 13 bis 17 Uhr. Im Internet unter: http://www.kosmonautenzentrum.de/

Street Art in Chemnitz (Folge 2)

Nach der ersten Folge meiner losen Blogreihe zum Thema Street Art in Chemnitz wurde kritisch angemerkt, dass es eine ebensolche Kultur der Straßenkunst, geschweige denn eine entsprechende Künstlerszene in der „Stadt der Moderne“ gar nicht gebe. Diese Beobachtung hat einen wahren Kern: In Großstädten wie Berlin, Hamburg, London, Paris oder New York stolpert man alle Nase lang über originelle und gesellschaftskritische Street Art-Motive. Natürlich kann Chemnitz da nicht mithalten, keine Frage. Ob die Versuche gelungen sind, darüber kann man – wie bei Kunst im übrigen immer – trefflich streiten. Die Street Art konzentriert sich in Chemnitz vor allem auf das direkte Umfeld des Campus sowie des besetzten Hauses in der Reitbahnstraße. Hier habe ich auch das erste Werk der heutigen Folge entdeckt:

Chemnitzer Street Art 6 (Reitbahnstraße)
Dieser Außerirdische hebt entweder seinen Zeigefinger oder er popelt in der nicht vorhandenen Nase. Erinnert von der Technik her ein bisschen an die Windowcolor-Bilder, die eine Zeitlang ziemlich angesagt waren. Weiter geht es unter einem Fenster des Cafés, welches ebenfalls zum alternativen Wohnprojekt gehört:

Street Art Chemnitz (Reitbahnstraße)

Mit dieser aufgeklebten Wall Art werden Erinnerungen an die gute alte Super-Mario-Land-Zeit wieder wach. Die Frage besteht, ob es sich um einen eigens vom Künstler generierten Level handelt oder um die Reproduktion eines bekannten Arcade-Jump-and-Runs. In Abschnitt 2 des Levels heißt es beim Spielen übrigens besonders aufpassen, sonst landet man im darunterliegenden Kellergitter…

Street Art Chemnitz (Vettersstraße)

Weiter geht es zur Vettersstraße auf dem Uni-Campus. Auf der Rückseite einer Reihengarage lehnt ein roter Mann an einem Baum. Schön auch, wie sich die Natur an den Schnittstellen des Graffito mit dem Garagendach in natürlicher Form fortsetzt. Das Motiv wird durch am Straßenrand wachsende Sträucher teilweise verdeckt, was die Grenzen zwischen Kunst und Realität weiter vermischen mag.

Chemnitz Street Art (Pegasus-Center)

Bei dieser grimmig dreinblickenden Nase könnte es sich um einen Politiker handeln – allerdings keinen, den ich kenne. Die blaue Mütze erweckt einen karnevalesken Eindruck – satirische Street Art? Als Materialien kamen offensichtlich alte Uni-Unterlagen und Sprühfarbe zum Einsatz. Eine originelle Installation findet sich hinter dem neuen Hörsaalgebäude der TU Chemnitz:

Chemnitz Street Art (Neues Hörsaalgebäude)

Ein türkisfarbener Putzhandschuh flattert im Wind – ein Wink der Putzfrau oder ein kritischer Hinweis auf die fehlende medizinische Fakultät an der TU? Wie wir sehen, zeigt sich Street Art sich in den verschiedensten Formen – und sie macht auch nicht vor den Stadtgrenzen von Chemnitz halt, wie das folgende Motiv beweist:

Chemnitz Forest Art (Klaffenbach)

Ein nahezu idealtypisches Beispiel von Forest Art buhlt im Klaffenbacher Forst um kunstinteressierte Betrachter! Die figürliche Darstellung – ein Pferdekopf in einem Halbkreis – wird durch das umrahmende weiße Quadrat besonders hervorgehoben. Gut so, denn sonst würde selbst mancher erfahrene Kunstkenner den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen bzw. die ‚forest street‘ vor lauter ‚art‘ nicht mehr.

Nachtrag: Einige weitere Street-Art-Grafiken (24) aus Chemnitz listet die Seite Streetfiles.org auf.

Ausflug zum Wasserschloss Klaffenbach

Wasserschloss Klaffenbach (bei Chemnitz)

Nach einem mittellangen und nicht übermäßig spannenden Tag in der Bibliothek wollten wir unbedingt noch einen kleinen Ausflug machen und sind daher mit der Tram 522 von der Zentralhaltestelle nach Klaffenbach gefahren. Nominell ist Klaffenbach noch ein Stadtteil von Chemnitz, in Wirklichkeit aber schon ziemlich weit draußen auf dem Land. Hier steht das Wasserschloss Klaffenbach, ein schmuckes Bauwerk aus dem 16. Jahrhundert (Besserwisser-Info: Im Stil der Renaissance erbaut!). Wasserschloss heißt es übrigens nicht wegen seiner Nähe zur Würschnitz, sondern wegen des gefluteten Burggrabens drumherum. Auf dem nächsten Bild sehr gut zu sehen:

Wasserschloss Klaffenbach Chemnitz

Vom Stil her ist das Wasserschloss der Augustusburg ziemlich ähnlich, letztere liegt aber auf einem Berg und ist doch noch ein Stück größer. Auf dem Klaffenbacher Burghof gibt es allerlei Geschäfte für Kunsthandwerk. Bis vor kurzem war hier auch noch das Sächsische Fahrzeugmuseum, welches jedoch inzwischen nicht nur in die Innenstadt umgezogen ist, sondern auch konsequenterweise auf eine Internetseite verzichtet (ohnehin überbewertet dieser neumodische Kram!). Wenn man die letzte Straßenbahn verpasst, kann man im schlosseigenen Hotel übernachten.

Schlosshotel Klaffenbach Chemnitz

Im Sommer wird im Wasserschloss viel geheiratet, die Paare geben sich im Akkord das Ja-Wort und danach geht es gleich zum Tafeln in eines der Restaurants. Als wir da waren, wurde nicht geheiratet, auch sonst war praktisch überhaupt nichts los. Diverse Aushänge kündeten allerdings von kommenden Attraktionen: Klaffenbacher Tafelrunde, Ritteressen, Hexentreff, dann Fischbüffet und der Ostertanz – da muss man ganz schön aufpassen, dass man nicht durcheinander kommt und dann versehentlich in Ritterverkleidung zum Hexentreff geht…könnte böse enden! Stars und Sternchen geben sich im Wasserschloss übrigens die Klinke in die Hand. Auf einem Poster feierten Matthias Reim, Dieter Thomas Kuhn, die Puhdys und eine Abba-Playbackgrupp im totgeglaubtem WordArt-Design ein fröhliches Comeback!

Das Minibar-Angebot im Schlosshotel Klaffenbach

Gleich nebenan bewies ein Aushang des Schlosshotels, dass sich Vollverpflegung und günstige Preise nicht ausschließen müssen. Zwei Minibar-Komplettangebote warten auf die hungrigen und durstigen Gäste. Es stellt sich hier allerdings die Frage, wer seine Minibar tatsächlich komplett austrinkt (nur dann lohnt sich ja der Schnäppchenpreis von 6 bzw. 10 Euro). Mir wäre jedenfalls ziemlich schlecht, wenn ich erst zwei Bier genieße, dann eine kleine Flasche Rotwein hinterherkippe, dann noch Sekt obendrauf und abschließend einen Apfelsaft und eine Flasche Mineralwasser  – nicht zu vergessen die Schokolade und die Erdnüsse! Statt der Minibar kann man aber auch einfach ein „Haustier“  mitbringen (ich empfehle Wildschwein am Spieß). Kostet gleich viel, ist aber ungemein nahrhafter!

Trimmpfad in Klaffenbach Chemnitz

Hinter dem Wasserschloss gibt es einen Golfplatz mit 18 Löchern (wir haben nachgezählt!) und einen Trimm-Pfad. Dieser entpuppte sich bei näherem Hinsehen jedoch als Mogelpackung: Es führten zwar diverse Wege in das kleine Waldstück hinter dem Schlosspark, die für einen derartigen Trainingsparcours üblichen Übungsstationen und Anleitungen fehlten aber. Eine eifrige Joggerin störte sich nicht daran, ihr begegneten wir auf verschiedenen Pfaden und Forstwegen innerhalb von 15 Minuten insgesamt drei Mal! Die Gefahr sich in Chemnitz Klaffenbach zu verlaufen besteht also nicht, und falls doch spielen vielleicht gerade „Matze“ Reim, die Puhdys oder Abba – in diesem Fall einfach dem Gesang nach, Augen zu und durch!

Street Art in Chemnitz (Folge 1)

Street Art in Chemnitz
Ein Mensch? Ein Außerirdischer? In jedem Fall Street Art!

Street Art bedeutet wörtlich übersetzt Straßenkunst und ist damit weit gefächert: Die Panflötenindianer in der Chemnitzer Fußgängerzone wären ebenso Street Art, wie sinnlos hingeschmierte Namenstags an leerstehenden Plattenbauten. Für mich persönlich beinhaltet Street Art eine grafische und häufig figürliche Darstellung. Sticker mit seltsamen Phantasiewesen gehören ebenso dazu wie Schablonengraffiti mit verfremdeten Alltagsmotiven. Ich habe mich in Chemnitz auf die Suche gemacht und bin tatsächlich fündig geworden. Die besten Motive zeige ich ab sofort hier im Blog. Beginnen wir mal mit einem besprühten Gebäude im Viertel hinter dem Stadtpark:

Street Art in Chemnitz

Dieser Typ mit Elvis-Haartolle hat unter der Witterung schon ziemlich gelitten. Das Namenstag („DAK“) daneben weist auf das Entstehungsjahr 2006 hin. Es könnte sich – insbesondere weil es schon so lange dort hängt – natürlich auch um ein Auftragsgraffiti handeln, so wie bei diesem Motiv in Chemnitz Bernsdorf (nahe Südbahnhof):

Street Art in Chemnitz

Die Baustoffhandlung Concepta wirbt auf diesem Weg für ihren Laden und verschönert die – bei der Lage nahe der Bahnstrecke bestimmt ohnehin zugesprayte – Wand mit einem Graffito.

Ein reicher Fundus für schöne Street-Art-Motive ist das besetzte Haus in der Reitbahnstraße. Dutzende Motive lassen fast den Eindruck einer öffentlichen Galerie entstehen, bei welcher der Besucher teilweise ganz genau hinschauen muss um kleinere Grafiken entdecken zu können. Die angebrachten Kunstwerke in den Fenstern zeugen vom Durchhaltewillen der Bewohner. Zugleich haben sie auch eine ganz praktische Funktion: Sie verdecken eingeworfene Scheiben im Erdgeschoss.

Street Art in Chemnitz (Reitbahnstraße)

Direkt niedlich auch dieser kleine „Audio Addict“, nur einen ähm Steinwurf entfernt 😉

Street Art in Chemnitz (Reitbahnstraße)

Gesellschaftskritischer zeigt sich das folgende Motiv. Ein junger Mann schmust mit einem großen Kotelett, er wirkt zufrieden. Ein Seitenhieb auf unseren Umgang mit tierischen Lebensmitteln?

Street Art in Chemnitz (Reitbahnstraße)

Natürlich ist Street Art nicht ganz unumstritten. Rechtlich betrachtet sind solche Veränderungen am Straßenbild nämlich Sachbeschädigung. Die fällt in meinen Augen aber weniger ins Gewicht, wenn es sich um schöne Motive handelt, auf die der Begriff Straßenkunst sicher auch deutlich mehr zutrifft als auf eilig hingesprayte Namenstags und kommerzielle Stickerhalden an Hauswänden und Bushaltestellen.

Ein schönes Fotoblog zum Thema Street Art gibt es übrigens hier. Nicht alle Motive sind Weltklasse, manches gefällt mir auch einfach persönlich nicht – aber das ist in „richtigen“ Museen ja genauso. Falls ihr noch weitere StreetArts in Chemnitz gesehen habt oder sogar Fotos davon habt, dann einfach her damit. Schreibt in die Kommentarbox oder schickt mir eine Mail.

Ein Nachmittag im Spielemuseum

Spielemuseum Chemnitz

Letzte Woche waren wir im Chemnitzer Spielemuseum, welches eigentlich Deutsches Spielemuseum heißt, von allen Leuten aber immer nach der Stadt in welcher es steht, benannt wird. Wir sind zu Fuß vom Campus aus hingelaufen: Über den Südbahnhof zum Uniteil Raabestraße, dann durch den Stadtpark und das Wohnviertel dahinter. Auf dem Plan der Verkehrsbetriebe sah der Weg so kurz aus, aber das täuschte doch ziemlich. Das Spielemuseum liegt  etwas versteckt in der Neefestraße, kurz vor der Messe Chemnitz, und damit an der gleichen Buslinie (Nr. 23) mit der man sonst zu IKEA fährt.

Zunächst schreckt vielleicht die Namenskombination aus „Spiele“ und „Museum“ etwas ab, nichts ist schließlich langweiliger als sich Brettspiele in verschlossenen Glaskästen anzuschauen – ohne die Möglichkeit selbst die Würfel rollen zu lassen. Doch genau das ist im Deutschen Spielemuseum Chemnitz anders: In einem großen Raum stehen über 2000 (!) Brettspiele zur Wahl, welche sich komplett ausprobieren und spielen lassen. Getragen wird das Museum von einem gemeinnützigen Verein, in welchem praktisch alle wichtigen Spieleverlage Deutschlands Mitglied sind. Allein über die Eintrittspreise (Normal: 4 Euro, Kinder und Studenten: 2 Euro) liesse sich solch eine Einrichtung wohl auch kaum finanzieren.

Wir entschieden uns nach kurzem Überlegen für „Thurn und Taxis“, das Spiel des Jahres 2006. Schnell den Spielplan aufgebaut und die Anleitung vorgelesen. Das Szenario spielt im beginnenden 16. Jahrhundert, es geht darum Postkurierstrecken zwischen bedeutenden Städten in Baiern, Württemberg, aber auch der Schweiz und Polen zu bauen und damit möglichst viele Siegpunkte zu sammeln. Dazu zieht man Städtekarten, sammelt Kutschenpunkte und versucht in möglichst vielen Städten Dependancen zu eröffnen. Ein sehr kurzweiliges strategisches Brettspiel!

Brettspiele Chemnitz

Nach einer Runde (ich habe knapp vor Wiebke gewonnen) haben wir uns dann noch an zwei weiteren Spielen versucht: Einmal König & Konsorten, was sich als Mau-Mau-Variante mit etwas schrägen Sonderregeln entpuppte. Und dann noch am Spiel zur Auswanderer-Sendung „Mein neues Leben“, welches aber wie viele Umsetzungen von Serien und Filmen ziemlich dröge daherkam. Das Auswandern in ein fremdes Land war wesentlich vom Würfelglück bestimmt, es ging eigentlich nur darum möglichst viel Geld zu sammeln (welches einem durch lästige Sonderkarten ständig wieder weggenommen wurde) und einen gut bezahlten Job (Chirurg 7000 Euro) über möglichst viele Runden auf der Hand zu halten. Merke: Wenn man seinen Job verliert, ist man nicht arbeitslos – dafür braucht man nämlich die Arbeitslosenkarte (500 Euro Einkommen).

Spielemuseum Chemnitz 2

Einer der großen Vorteile des Spielemuseums ist sicher, dass man praktisch alle aktuellen Brett- und Kartenspiele unbegrenzt ausprobieren kann. Gefällt einem ein Spiel, kann man es ja später immer noch für Zuhause kaufen. Wer mehr auf digitale Unterhaltung steht, hat die Möglichkeit an verschiedenen Konsolen (Sony PS3, Nintendo Wii, Gamecube etc.) zu zocken oder zum Abschluß eines schönen Nachmittags noch eine gepflegte Runde zu Kickern.

Öffnungszeiten sind Montag bis Freitag von 13 bis 18 Uhr, am Wochenende von 13 bis 19 Uhr. Es empfiehlt sich gleich Mittags schon hinzugehen und so die Spielzeit voll auszunutzen.

Mit Kneipenkarte durch Chemnitz

Kneipenkarte für Chemnitz

Eigentlich bin ich ja kein Fan davon, hier Gratis-PR für irgendwelche Kneipen und Cafés  zu machen, wie andere Chemnitz-Blogs es ja gerne und ausführlich tun. Aber in diesem Fall war es eine ganz vorzügliche Idee, die mich überzeugt hat: Nils Gemeinhardt, Hobby-Fotograf und Student des kompliziert klingenden Fachs Computational Science, hat eine Karte der Chemnitzer Innenstadt mit allen Kneipen, Bars und Cafés entworfen und ins Internet gestellt. Ich wusste zwar, dass Chemnitz mit einer hohen Kneipendichte wirbt (angeblich soll es 666 Gaststätten geben – vermutlich wurde jede Döner-Asia-Bude und jeder trübe Landgasthof im Umland mitgezählt), aber nicht dass es doch so viele verschiedene Etablissements in der Innenstadt gibt. Eigentlich erstaunlich dass sich das Phänomen des Pub-Crawlings noch nicht bis nach Chemnitz durchgeschlagen hat, immerhin muss man nicht weit laufen um vom Franziskaner Viertel in den City Pub und von dort weiter ins Café Moskau zu gelangen – mit steigendem Alkoholpegel versteht sich. Was der Karte definitiv noch fehlt, sind aktuelle Bierpreise. Im Moment befinden sich Möchtegern-Schickimicki-Läden wie das DON in der Liste ja direkt neben günstigen Trinkhallen wie dem Turmbrauhaus – das kann ganz schön auf den Geldbeutel gehen. Eines weiß ich in jedem Fall schon jetzt: Wenn ich das nächste Mal nach Feierabend gemütlich ein Bier trinken gehe, dann probiere ich sicher mal einen neuen Pub aus.  Falls ihr das auch tun wollt, die Kneipenkarte von Nils findet ihr hier zum Downloaden und Ausdrucken.

Schwimmbad mit Charme

Am Rande des Campus und nur ein paar Schritte Fußweg von meiner WG entfernt befindet sich die Schwimmhalle Bernsdorf. Der schmucklose Betonbau aus dem Jahr 1969 lädt von außen nicht gerade zum fröhlichen Planschen ein – aber ich suche ja auch keinen Wellness-Tempel, ich will bloß ein paar Bahnen schwimmen. Als ich durch die gläserne Schiebetür trete, erstmal Verwirrung. Links kann man in das Büro des Bademeisters gucken, geradeaus geht es zum Münzsolarium, rechts ein Gang mit orangefarbenen Plastikstühlen.

„Wollen Sie hier schwimmen gehen?“, spricht mich eine Frau mit Kaffeebecher in der Hand an. Als ich bejahe schließt sie den Kassenraum auf, den ich bisher übersehen habe. „Macht ermäßigt Ein-euro-zwanzig. Schuhe dann bitte hier draußen ausziehen.“ Günstig ist es also schonmal, denn wo kann man bitte noch für 1,20 Euro zeitlich unbegrenzt schwimmen? – Die Schuhe, ja richtig. Gegenüber der Plastiksessel, auf die sich die Kassiererin nun wieder gemütlich gesetzt hat, befindet sich in einem Holzregal Platz für meine Sneakers. Auf Socken geht es in die Herrenumkleide, einen hohen gekachelten Raum mit jeder Menge Schränken. Wenn hier alle belegt sind, dann ist es im Schwimmbad sicher brechend voll. Im Waschraum mahnt ein Schild: „Duschen bitte ohne Badebekleidung.“ Ich passe mich den regionalen Gebräuchen an und ziehe meine Badehose aus…

Drinnen dann die Überraschung: Es gibt kein Kinderbecken und keine Liegestühle. Stattdessen ein 25-Meter-Becken mit fünf Bahnen und Betonbänke für die Handtücher. An den Wänden quer zum Becken befinden sich zwei Uhren: Am einen Ende mit Stunden- und Minutenzeiger, am anderen Ende mit hektischem Sekundenzeiger. In der Ecke der Halle kündigt ein Siegertreppchen vom Sportsgeist, der hier von Zeit zu Zeit Einzug hält. Ich steige über die Treppe an der Fensterfront ins Becken und beginne zu Schwimmen. Neben mir krault ein Schwabbelbauch vorbei. Auch sonst scheint das Bad an diesem Morgen um kurz vor zwölf fest in der Hand der Generation 50plus zu sein. Klar, wer hat sonst auch Zeit außer Studenten und Rentnern.

Der Bademeister dreht die Musik in seiner Kabine etwas lauter: Ambitionierte Gitarrensolos mit Jazz-Einschlag hallen über die Wasseroberfläche. Gediegene Popmusik. Mein Blick wandert zur Decke. Dort ist ein engmaschiges Netz über die gesamte Länge der Halle aufgespannt. Normalerweise hält man so Vögel vom Sturzflug ab – hier soll das Netz die Badenden vor den etwa 50x50cm großen Deckenblatten, von denen einige schon morsch herabhängen, schützen. Eine günstige und doch wirksame Methode. Ich schwimme nach vorne bis zum Ende der Bahn. Die Ränder des Beckens sind aus Kieselsteinbeton gegossen, der sich rau unter den Händen anfühlt. Auf längeres Verweilen macht er keine Lust – dann lieber weiter schwimmen.

Um zwölf verlasse ich das Becken, genug für heute. Nach dem Duschen am Fön dann die Überraschung: Man kann laut Aufkleber noch mit zehn Pfennig-Stücken bezahlen. Das hat Charme – vielleicht haben die Bäderbetriebe aber auch einfach die Euro-Umstellung verschlafen. Opfer der Sparsamkeit sind in jedem Fall die Öffnungszeiten, die sich auf Montag, Donnerstag und Freitag um die Mittagszeit beschränken. Beim Hinausgehen frage ich die Frau an der Kasse, wie das hier früher war. Hatte das Schwimmbad länger offen? Sie überlegt kurz und sagt dann kopfschüttelnd: „Früher ist doch vorbei. Unsere jetzigen Öffnungszeiten, das ist alles was zählt.“