Schlagwort-Archive: Karl Marx

Warum die Chemnitzer Innenstadt nicht schön ist, ich aber trotzdem ganz froh bin, dass ich da war.

Stadt der Moderne Box in Chemnitz
Die Stadt-der-Moderne-Box auf dem Rathausplatz in Chemnitz. Die beiden Herren sind nur zufällig auf dem Bild.

Am Wochenende war ich seit längerem mal wieder in der Chemnitzer Innenstadt. Das Wohnen auf dem Campus bringt es mit sich, dass man nur noch für größere Besorgungen (Elektronikkram, Kosmetikartikel) hierher fahren muss. Alles andere gibt es auch bei den Discountern ums Eck. Früher bin ich öfter in die City gefahren, aber mittlerweile scheue ich den Weg. Nicht, dass es wirklich weit wäre – aber man wartet doch ein ums andere Mal auf die Tramlinie 2, die jetzt im Sommer nur jede Viertelstunde durch die Straßen kriecht und noch dazu notorisch verspätet ist.

An der Zentralhaltestelle angekommen, fiel mir gleich die Stadt-der-Moderne-Box auf, die für die neue Imagekampagne von Chemnitz werben soll. Draußen sind Fotos von überwiegend lachenden Einwohnern abgebildet, drinnen gibt es Statements in Print- und Videoform. Es ging darum, was die Chemnitzer mit ihrem neuen Slogan verbinden. Eine junge Dame fand den Titel „Stadt der Moderne“ für Chemnitz ziemlich unpassend. Ihr wurde eine begeisterte Stimme einer älteren Frau entgegen geschnitten, welche die Innenstadt hingegen sehr schön fand: „Weil hier alles so modern ist!“

Nun kann man ja vieles über die Chemnitzer Innenstadt sagen – aber wirklich „schön“ ist sie leider nicht. Das Rathaus ist schön. Einige der alten Bürgerhäuser sind schön. Die Innenstadt als Ganzes ist hingegen ein ziemlich wildes Durcheinander aus alt und neu, hübsch und abrissbedürftig, gediegen und häßlich. Schön ist sie nicht. Aber nicht zuletzt brauchen die Macher der Image-Kampagne ja auch ein paar positive Stimmen zum Stadtbild. Sie können ja schlecht sagen: „Leute fahrt nach Altenburg, wenn ihr eine schöne Innenstadt sehen wollt!“ – Das wäre zwar richtig, aber außer den Altenburgern würde sich darüber wohl niemand freuen.

Eine richtig originelle Idee fand ich die kostenlosen Oversize-Postkarten, die es in der Box zum Mitnehmen gab. Einige Motive zeigen Chemnitzer Sehenswürdigkeiten wie den Marx-Kopf oder eine Kaßberger Jugendstilfassade – andere nehmen das Klischee von Chemnitz als Provinzstadt auf die Schippe. Allein wegen dieser Karten hat sich die Fahrt in die Innenstadt für mich diesmal gelohnt:

Postkarten Chemnitz
Die Gratis-Postkarten – man benötigt 1,45-Euro-Briefmarken für den Versand.

Advertisements

Die Kapitalisierung von Marx

Das bekannteste Wahrzeichen der Stadt Chemnitz ist immer noch zweifellos der Karl-Marx-Kopf an der Kreuzung Brückenstraße/Straße der Nationen. Weder das alte Rathaus noch der Rote Turm haben dem Nischel – wie die sieben Meter hohe Bronzebüste von den Einheimischen liebevoll genannt wird – bislang den Rang ablaufen können. Anfang Juni 2008 tat sich an dem eher trostlosen Skatertreff plötzlich etwas: Bauarbeiter verkleideten das Marx-Monument mit weißen Planen. Doch nicht etwa um dem alten Vordenker des Kommunismus mit Bürste und Waschschaum zu Leibe zu rücken und ihn blitzblank herauszuputzen. Nein, hinter dem Baugerüst wurde das Temporary Museum of Modern Marx (TMoMM) neu eröffnet. Im Inneren führen Metalltreppen um den Kopf herum und man kann dem Philosophen direkt in die Augen schauen. Außerdem gibt es ein Bücherregal mit dem Kapital und einen Kopfhörer mit dem Kapital-Hörbuch.

Alles in allem recht wenig für 2 Euro Eintritt. Wenn man böswillig ist könnte man sagen, dass aus dem Allgemeingut Marx-Kopf, welchen man normalerweise kostenlos anschauen kann, ganz schön Kapital geschlagen wird. Und Karl Marx selbst würde sich vermutlich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste wie er hier mit aufgeblasenen Begründungen kapitalisiert wird. Wer will, dass sich die Stadtbewohner mehr mit Werk und Wirkung auseinandersetzen sollte auch ausreichend Material dafür liefern.