Schlagwort-Archive: Wohnen

Die Crux mit den Wohnheimen

Wohnheim Chemnitz
Fast wie im Reiseprospekt (nur ohne Balkone): Das Studentenwohnheim könnte auch ein Hotel an der Costa Brava sein

Wenn ich von meinem WG-Balkon geradeaus, nach links oder nach rechts schaue, dann blicke ich auf die achtgeschossigen Studenten-Wohnheime gegenüber. Gestern saß ich wieder so in meinem Liegestuhl und blickte vor mich hin auf die sanierten Plattenbauten, da fiel mir auf, was für ein seltsamer Begriff „Wohnheim“ eigentlich ist.

Welche anderen Heime kennt man noch so im Sprachgebrauch? Da wären zum Beispiel:

  • Kinderheim
  • Altenheim
  • Pflegeheim
  • Asylbewerberheim
  • Tierheim
  • Stammheim  😉

Alles sind Orte, wo man nicht so unbedingt gerne wohnen möchte: Im Kinderheim wohnen Kinder, deren Eltern verschwunden sind. Im Alten- und Pflegeheim wohnen Eltern, deren Kinder sie nicht pflegen können oder wollen. Im Asylbewerberheim wohnen Leute, die keine Aufenthaltserlaubnis haben. Im Tierheim leben Tiere ohne Zuhause. In Stuttgart-Stammheim saßen die RAF-Terroristen ein, auch sie taten das sicher nicht gerne. Allen Heimen ist gemein, dass man selbst nicht mehr die Möglichkeit hat, einfach wieder auszuziehen.

Rein der Bezeichnung nach ist ein Studentenwohnheim also ein Ort an welchem entwurzelte Studenten wohnen, die keine andere Bleibe gefunden haben. Ein Ort an welchem sie nicht gerne sind, sondern eher weil irgendjemand es bestimmt hat. Und sie dürfen nicht raus! Das wird in dieser Form sicher auf die wenigsten Studenten im Wohnheim gegenüber zutreffen (genaue Werte bietet diese Studie zur Wohnzufriedenheit).

Bleibt also die Frage, ob es nicht einen passenderen Begriff für die Wohnheime gibt. Vielleicht „Studentenwohnanlage“ oder „Studentenresidenz“? Wobei diesen Termini (hey, endlich einen linguistischen Fachbegriff eingebaut!) häufig ja auch eine Spur Euphemismus innewohnt. Eine Residenz mit Toilette auf dem Gang wäre eben nur dem Namen nach eine Residenz. Ein Dilemma für welches keine Lösung in Sicht ist. Und so bleibt erstmal alles beim Alten: Die Fenster des Wohnheims glänzen in der Sonne, gegenüber auf dem Balkon ein junger Blogger im Liegestuhl, der angestrengt grübelt. Alles wie immer.