Monatsarchiv: Juli 2009

Warum die Chemnitzer Innenstadt nicht schön ist, ich aber trotzdem ganz froh bin, dass ich da war.

Stadt der Moderne Box in Chemnitz
Die Stadt-der-Moderne-Box auf dem Rathausplatz in Chemnitz. Die beiden Herren sind nur zufällig auf dem Bild.

Am Wochenende war ich seit längerem mal wieder in der Chemnitzer Innenstadt. Das Wohnen auf dem Campus bringt es mit sich, dass man nur noch für größere Besorgungen (Elektronikkram, Kosmetikartikel) hierher fahren muss. Alles andere gibt es auch bei den Discountern ums Eck. Früher bin ich öfter in die City gefahren, aber mittlerweile scheue ich den Weg. Nicht, dass es wirklich weit wäre – aber man wartet doch ein ums andere Mal auf die Tramlinie 2, die jetzt im Sommer nur jede Viertelstunde durch die Straßen kriecht und noch dazu notorisch verspätet ist.

An der Zentralhaltestelle angekommen, fiel mir gleich die Stadt-der-Moderne-Box auf, die für die neue Imagekampagne von Chemnitz werben soll. Draußen sind Fotos von überwiegend lachenden Einwohnern abgebildet, drinnen gibt es Statements in Print- und Videoform. Es ging darum, was die Chemnitzer mit ihrem neuen Slogan verbinden. Eine junge Dame fand den Titel „Stadt der Moderne“ für Chemnitz ziemlich unpassend. Ihr wurde eine begeisterte Stimme einer älteren Frau entgegen geschnitten, welche die Innenstadt hingegen sehr schön fand: „Weil hier alles so modern ist!“

Nun kann man ja vieles über die Chemnitzer Innenstadt sagen – aber wirklich „schön“ ist sie leider nicht. Das Rathaus ist schön. Einige der alten Bürgerhäuser sind schön. Die Innenstadt als Ganzes ist hingegen ein ziemlich wildes Durcheinander aus alt und neu, hübsch und abrissbedürftig, gediegen und häßlich. Schön ist sie nicht. Aber nicht zuletzt brauchen die Macher der Image-Kampagne ja auch ein paar positive Stimmen zum Stadtbild. Sie können ja schlecht sagen: „Leute fahrt nach Altenburg, wenn ihr eine schöne Innenstadt sehen wollt!“ – Das wäre zwar richtig, aber außer den Altenburgern würde sich darüber wohl niemand freuen.

Eine richtig originelle Idee fand ich die kostenlosen Oversize-Postkarten, die es in der Box zum Mitnehmen gab. Einige Motive zeigen Chemnitzer Sehenswürdigkeiten wie den Marx-Kopf oder eine Kaßberger Jugendstilfassade – andere nehmen das Klischee von Chemnitz als Provinzstadt auf die Schippe. Allein wegen dieser Karten hat sich die Fahrt in die Innenstadt für mich diesmal gelohnt:

Postkarten Chemnitz
Die Gratis-Postkarten – man benötigt 1,45-Euro-Briefmarken für den Versand.

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Das Lachen der Anderen

Skurriler Brief an der TU Chemnitz

Normalerweise hängen am Schwarzen Brett der Universitätsbibliothek Ankündigungen für längst vergangene Veranstaltungen, Verkaufsannoncen für Schränke und Sofas und Nachmietergesuche. Heute blieb mein Blick jedoch an einem anderen Zettel hängen. Es war die großformatige Kopie eines Faxes eines gewissen Matthias J. (Name gekürzt) an die sächsische Staatsministerin Eva Maria Stange und schon der Betreff versprach Spannung:  „Die gegen mich gerichtete ständige schwere Belästigung an der Technischen Universität Chemnitz“ prangert der Schreiber dort  nämlich an. Es folgt ein überaus skurriles Schreiben, in welchem Matthias J. seine Forschungsschwerpunkte („illegale Produktion von Waffen“, „mafiöse Netzwerke“, „historische Industrialisierung in Sachsen“, „Holochaust“ [sic]) darlegt und auf seine persönliche Bedeutung hinweist („Ich unterhalte Beziehungen zum Cold War International History Project des Woodrow Wilson […] sowie zu weiteren Internationalen Einrichtungen und Medien“). Erst dann kommt er zum Kern seines Problems:

Voraussetzung das ich meine Forschungseinrichtung in Sachsen betreibe ist, das die ständige Bespitzelung und Belästigung der Studentenschaft aufhören. Zum Beispiel ärgert mich die Studentenschaft mit absichtlichem lautem Lachen, obwohl ich über traurige Sachen forsche.

schreibt J. unter bemerkenswerter Missachtung gängiger Regeln zur Verwendung von ‚das‘ und ‚dass‘ und will vermutlich auch nicht, dass die Belästigung der Studentenschaft aufhört, sondern vielmehr die Belästigung DURCH die Studentenschaft. Doch das erscheint als sprachwissenschaftliche Besserwisserei, denn J. scheint es sehr ernst zu sein mit dem Gelächter:

Ich bekomme bei so einem Verhalten eine Innere Zerrissenheit. Ich weiß nicht wie ich reagieren soll und kann nur resignieren und abwandern. Meine Bemühungen den Rektor Herrn Professor Matthes einzuschalten, damit die Belästigungen aufhören, sind gescheitert.

Manchmal reicht eben auch ein Lachen aus, um einen bedeutenden investigativen Forscher und Mafia-Experten zur Verzweiflung bzw. ins Exil zu treiben. Ich bin sicher, dass sich die Staatsministerin umgehend um diesen Fall kümmern wird und entsprechende Schritte gegen das Gelache, aber auch Gegluckse, Gekicher oder Gegacker an der TU Chemnitz einleiten wird. Falls dem nicht so ist, hat Matthias J. jedenfalls noch einen Trumpf in der Hinterhand:

Im Falle meiner Abwanderung würde die Washington Post oder die New York Times einen entsprechenden Bericht über meine Forschungen und die mir umgebene Gesellschaft veröffentlichen.

Spätestens dann wird sicher doch noch alles gut.