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Schwimmbad mit Charme

Am Rande des Campus und nur ein paar Schritte Fußweg von meiner WG entfernt befindet sich die Schwimmhalle Bernsdorf. Der schmucklose Betonbau aus dem Jahr 1969 lädt von außen nicht gerade zum fröhlichen Planschen ein – aber ich suche ja auch keinen Wellness-Tempel, ich will bloß ein paar Bahnen schwimmen. Als ich durch die gläserne Schiebetür trete, erstmal Verwirrung. Links kann man in das Büro des Bademeisters gucken, geradeaus geht es zum Münzsolarium, rechts ein Gang mit orangefarbenen Plastikstühlen.

„Wollen Sie hier schwimmen gehen?“, spricht mich eine Frau mit Kaffeebecher in der Hand an. Als ich bejahe schließt sie den Kassenraum auf, den ich bisher übersehen habe. „Macht ermäßigt Ein-euro-zwanzig. Schuhe dann bitte hier draußen ausziehen.“ Günstig ist es also schonmal, denn wo kann man bitte noch für 1,20 Euro zeitlich unbegrenzt schwimmen? – Die Schuhe, ja richtig. Gegenüber der Plastiksessel, auf die sich die Kassiererin nun wieder gemütlich gesetzt hat, befindet sich in einem Holzregal Platz für meine Sneakers. Auf Socken geht es in die Herrenumkleide, einen hohen gekachelten Raum mit jeder Menge Schränken. Wenn hier alle belegt sind, dann ist es im Schwimmbad sicher brechend voll. Im Waschraum mahnt ein Schild: „Duschen bitte ohne Badebekleidung.“ Ich passe mich den regionalen Gebräuchen an und ziehe meine Badehose aus…

Drinnen dann die Überraschung: Es gibt kein Kinderbecken und keine Liegestühle. Stattdessen ein 25-Meter-Becken mit fünf Bahnen und Betonbänke für die Handtücher. An den Wänden quer zum Becken befinden sich zwei Uhren: Am einen Ende mit Stunden- und Minutenzeiger, am anderen Ende mit hektischem Sekundenzeiger. In der Ecke der Halle kündigt ein Siegertreppchen vom Sportsgeist, der hier von Zeit zu Zeit Einzug hält. Ich steige über die Treppe an der Fensterfront ins Becken und beginne zu Schwimmen. Neben mir krault ein Schwabbelbauch vorbei. Auch sonst scheint das Bad an diesem Morgen um kurz vor zwölf fest in der Hand der Generation 50plus zu sein. Klar, wer hat sonst auch Zeit außer Studenten und Rentnern.

Der Bademeister dreht die Musik in seiner Kabine etwas lauter: Ambitionierte Gitarrensolos mit Jazz-Einschlag hallen über die Wasseroberfläche. Gediegene Popmusik. Mein Blick wandert zur Decke. Dort ist ein engmaschiges Netz über die gesamte Länge der Halle aufgespannt. Normalerweise hält man so Vögel vom Sturzflug ab – hier soll das Netz die Badenden vor den etwa 50x50cm großen Deckenblatten, von denen einige schon morsch herabhängen, schützen. Eine günstige und doch wirksame Methode. Ich schwimme nach vorne bis zum Ende der Bahn. Die Ränder des Beckens sind aus Kieselsteinbeton gegossen, der sich rau unter den Händen anfühlt. Auf längeres Verweilen macht er keine Lust – dann lieber weiter schwimmen.

Um zwölf verlasse ich das Becken, genug für heute. Nach dem Duschen am Fön dann die Überraschung: Man kann laut Aufkleber noch mit zehn Pfennig-Stücken bezahlen. Das hat Charme – vielleicht haben die Bäderbetriebe aber auch einfach die Euro-Umstellung verschlafen. Opfer der Sparsamkeit sind in jedem Fall die Öffnungszeiten, die sich auf Montag, Donnerstag und Freitag um die Mittagszeit beschränken. Beim Hinausgehen frage ich die Frau an der Kasse, wie das hier früher war. Hatte das Schwimmbad länger offen? Sie überlegt kurz und sagt dann kopfschüttelnd: „Früher ist doch vorbei. Unsere jetzigen Öffnungszeiten, das ist alles was zählt.“

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