Studieren in Chemnitz – Das Blog

Tuchfühlung will’s wissen

Juni 30, 2009 · 5 Kommentare

Leserbefragung von Tuchfühlung
So oder so ähnlich soll nach Informationen des Chemnitzblogs die Leserbefragung aussehen

Für ihre letzten beiden Ausgaben musste die Redaktion der Tuchfühlung viel Kritik von ihren Lesern einstecken (siehe Kommentare hier und hier). Nun scheint die Redaktion zu der Einsicht gelangt zu sein, dass es auf diesem Weg mit dem Chemnitzer Campusmagazin nicht weitergeht. Eine Befragung soll das Heft wieder näher an die Leser bringen und herausfinden, was die Studenten über das 1,30-Blatt denken. Wie das Chemnitzblog exklusiv von einem Mitglied der Redaktion erfuhr, wurde ein entsprechender Fragebogen bereits gestaltet und soll bei Erscheinen der neuen Ausgabe noch diese Woche an alle Käufer verteilt werden. Inhalt sind zunächst eher allgemeine Fragen zur Bekanntheit der Tuchfühlung (siehe oben). Dann will das Hochglanzmagazin es genau wissen: Umfang (Seitenzahl), Informationsgehalt, Themenrelevanz, Aktualität und Übersichtlichkeit sollen eingeschätzt werden. Von “Sehr gut” bis “Sehr schlecht” reicht die Palette der Auswahlmöglichkeiten. Besonders interessant erscheint in Hinblick auf die letzten beiden Ausgaben wohl die Frage nach der “kritischen/unabhängigen Annäherung an Themen” (die keineswegs gewährleistet schien). Auch die Größe der Schrift  und die eigenwillige Bildauswahl steht nun offenkundig zur Disposition. Hat die Tuchfühlung ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis? Auch diese Frage soll durch die Leserbefragung geklärt werden. Die Möglichkeit eines komplett kostenlosen Magazins steht allerdings nicht zur Wahl. Weitere Felder bleiben für persönliche, handschriftliche Empfehlungen an die Redaktion frei – bleibt zu hoffen, dass viele Studenten die Gelegenheit wahrnehmen, um ihre Meinung kundzutun. Und natürlich auch, dass die Heftmacher aus den Ergebnissen lernen!

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Ei, ei, Eimirate

Mai 30, 2009 · 2 Kommentare

"Ja ist denn schon Ostern?" - Plakat des TaC zum Spiel Eimirate (sic) vs. Deutschland

Ich wollte euch dieses schöne Poster nicht vorenthalten, was ich gestern an der Tür der Mensa der TU Chemnitz entdeckt habe. Zuerst dachte ich ja: “Ist schon wieder Ostern?” – Denn dann hätte man die Schreibweise Eimirate ja durchaus als halbwegs gelungenes Wortspiel betrachten können. Aber Ostern liegt noch in weiter Ferne, stattdessen steht eine Länderspielsaison an, die einige orthographisch äußerst komplexe Gegner beinhaltet: Ich freue mich jedenfalls schon auf die Übertragung des Spiels gegen Aserbaidschan. Bzw. eigentlich noch mehr auf das Plakat des Treff-am-Campus-Cafés in unserer Mensa dazu. Ei, ei, Eimirate!

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Chemnitz zieht weg

Mai 27, 2009 · Kommentar schreiben

Die offizielle Seite: Chemnitz zieht an

Betont trendig gibt sich die offizielle Seite zur Standortwerbung – und präsentiert genau 41 offene Stellen (davon  exakt 0 in den Geisteswissenschaften)

Bereits seit letztem Jahr läuft in der Stadt die Kampagne “Chemnitz zieht an”. Dabei geht es nicht um eine Initiative für die gebeutelte Modebranche, sondern um die Faktoren Arbeit, Wohnen und Leben. Folgt man dem Text der Webseite, so gibt es von allen Dreien mehr als genug in Chemnitz. “Fehlen nur Sie”, verspricht die Webseite großspurig.

Passend dazu gibt es seit einigen Wochen eine neue Plakatkampagne der Stadt. In insgesamt acht Motiven werden die Vorzüge des ehemaligen Manchester des Ostens bzw. der neuen Stadt der Moderne hervorgehoben. Über die Qualität von so Wortspielen wie “Ein Heym für die Besten” (Internationaler Stefan-Heym-Preis) oder “Täglich 3400 Chemnitzer unter der Haube” (Arbeiten in der Automobilindustrie) lässt sich natürlich streiten. Es fällt jedoch auf, dass die Thematisierung von Chemnitz recht einseitig ist: Vier Motive heben Architektur und Kunst von Chemnitz hervor, darunter nehmen zwei Bezug auf das Bauhaus (wobei Dessau auf diesem Gebiet weitaus mehr zu bieten hat). Zwei Plakate beziehen sich auf die angeblich florierende Wirtschaft (Automobilbau und Gründergeist) und eins betont den Bezug zur Heimat (Erzgebirge). Jugendliche oder Studenten sind nicht zu sehen, die Stadt der Moderne präsentiert sich nicht als Jungbrunnen.

Die Satire: Chemnitz zieht weg

Beissender Spott auf den Plakatmotiven der Satireseite: Chemnitz beschreitet demnach gerade “neue Wege der sogenannten ‘lückenhaften’ Architektur”

“Das kann ja nun nicht sein”, dachten sich einige junge Kreative (Vermutung!) und haben die Satireseite “Chemnitz zieht weg” gegründet. Darauf präsentieren sie seit ein paar Tagen vier verschiedene alternative Plakatentwürfe. Heißt es auf dem Originalplakat “Möchten Sie mal ein paar ganz Bekannte treffen? Zum Beispiel Typen, die international Aufsehen erregen?” (gemeint sind bekannte Künstler, deren Werke im Museum Gunzenhauser stehen, haha!) – so kontert das Fake-Motiv: “Möchten Sie mal ein paar junge Chemnitzer treffen? Zum Beispiel lebendige Typen, die lokal Aufsehen erregen? Dann verabreden Sie sich nicht in Chemnitz. Hier gibt es nur noch wenige Exemplare, was kein Wunder ist, wenn man die Diskussionen um Sommeruni und experimentelles Karree verfolgt. Wer hier was bewegen will, muss hart im nehmen sein – denn wer braucht schon Subkultur?” Der Spott ist also beissend und trifft den Kern des Problems ziemlich gut: Wer mit dem Studium fertig ist, zieht meist weg aus Chemnitz. Aus so prestigeträchtigen Projekten wie dem “Brühl Boulevard” ist rein gar nichts geworden (immer noch ist das Viertel fast so tot wie vorher), um 20 Uhr werden die Bürgersteige spürbar hochgeklappt und der aktuelle Trend zum Abriss von Altbauten trägt natürlich auch nicht gerade zu einem geschlossenen Stadtbild bei (wobei natürlich das Überangebot an Wohnungen dennoch immens ist). Laut Ankündigung bzw. aus Sicht der Bürgermeisterin wohl eher Androhung werden die Motive auch “in den kommenden Wochen in der Stadt zu sehen sein”.

Nur bei einer Sache sind sich die Macher von “Chemnitz zieht weg” anscheinend ziemlich sicher: Die Stadt Chemnitz versteht  vermutlich keinen Spaß, wenn es um ihr lädiertes Selbstbild geht. Die Satire-Domain wurde anonym registriert, für ein paar Euro mehr kann man bei dem gleichen Anbieter auch Spamserver monatsweise anmieten. Vielleicht ist das ja auch eine Option für die offizielle Kampagne?

Ergänzung: Laut Chemnitzer Freie Presse sind die Poster schon in der Innenstadt plakatiert. Zitat: “Die Poster im A-3-Format klebten an der Galerie Roter Turm, am Plaza und an Hauswänden am Getreidemarkt.”

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Plakat-Kritik: Zwei Bälle für die FDP

Mai 20, 2009 · 3 Kommentare

Kritiken zu den Plakaten der großen Parteien haben aktuell mal wieder Hochkonjunktur. Kein Wunder: In Chemnitz wird Anfang Juni der Stadtrat gewählt, am gleichen Tag ist auch noch Europawahl (beide 7. Juni) und am 27. September schließlich Bundestagswahl. Zeit also sich einige der Werbeplakate  am Straßenrand etwas genauer anzuschauen. Den Anfang macht heute die FDP, ganz einfach weil mir das Poster auf dem Weg zur Uni besonders ins Auge gesprungen ist.

FDP-Wahlplakat in Chemnitz Bernsdorf

Eine hübsche unbekannte Schönheit im karibikblauen Top lächelt mich da an. Sie ist offensichtlich überaus sportlich (Volleyball und Basketball) und zugleich multitaskingfähig (zwei Ballsportarten gleichzeitig). Leider scheint aber keiner mit ihr spielen zu wollen – außer ihr ist die Sporthalle gähnend leer. Eine weitere Interpretation drängt sich geradezu auf: Deuten die Bälle vielleicht auf eine drängende Entscheidung hin? Es erscheint ja wenig sinnvoll, Basketball und Volleyball gleichzeitig spielen zu wollen – ständig würde man gegen das Mittelnetz laufen oder mit dem falschen Ball einen Korb werfen. Diese These gewinnt an Glaubwürdigkeit, wenn man sich die Farben der Bälle einmal genauer anschaut. Den rot-braunen Basketball (Koalition zwischen SPD und NPD?) hält die blonde FDP-Fee absichtlich niedriger, den blau-gelben Ball (Farben der Liberalen) offeriert sie hingegen in der offenen Hand. Es kann also trotz Wahlmöglichkeit in ihrem Spiel eigentlich nur eine Option geben: Volleyball mit Miss FDP! Unter dem diagonal angeschnittenen Foto prangt der Slogan der Partei: Vereine fördern. Ein regionales und zudem relativ konkretes Ziel. Jeder würde da doch zustimmen! Die Webadresse www.fdp-2009.de deutet zunächst auf eine allgemeine deutschlandweite Kampagnenseite, gehört tatsächlich aber der FDP Chemnitz. Ganz oben stehen so spannende News wie “FDP regt erneut Abdruck des Formulars auf Widerspruch zur Datenweitergabe im Amtsblatt an” – an der Griffigkeit ihrer Formulierungen müssen die Liberalen noch arbeiten. Wenn die FDP-Fee nämlich genauso geschwollen spricht wie der Pressesprecher, dann weiß ich schon warum niemand mit ihr spielen will.

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Warum gibt es auf der Mensa-Toilette keine Papiertücher?

Mai 14, 2009 · 6 Kommentare

Leerer Handtuchspender in der Mensa Chemnitz

Es ist bei jedem Besuch der Uni-Mensa das Gleiche: Ich will mir vor dem Essen noch die Hände waschen. Also auf die Mena-Toilette. Wasserhahn an. Hände drunter. Seife drauf. Rubbeln. Wasserhahn nochmal an. Hände nochmal drunter. Abtrocknen — Abtrocknen? Ja richtig, da war doch das Problem! Auf der Mensa-Toilette gibt es keine Papierhandtücher. Die Spender sind seit wenigstens drei Jahren leer. Und zwar ständig.

Also halte ich meine Hände unter den lauwarmen Strahl des Föns. Ich warte und föhne und wende die Hände und warte noch ein bisschen. Nach zwei Minuten gebe ich entnervt auf, weil meine Hände einfach nicht trocken werden. Andere probieren es gar nicht erst, sie kennen das Dilemma. Gestern lag eine Toilettenpapierrolle als Ersatz für die Papiertücher auf der Ablage, sie war völlig durchnässt. Das ist kein Ersatz – das ist eine Zumutung!

Im Neuen Hörsaalgebäude gibt es Papiertücher auf allen Toiletten. Auch in der Bibliothek im Pegasuscenter kann ich mir anständig die Hände abtrocknen. Aber am einzigen Ort auf dem Campus, an dem richtig Geld verdient wird, soll das nicht möglich sein? Das verstehe ich nicht. Neben der Tür hängt ein Putzplan. Das Personal trägt sorgfältig ein, wann wer geputzt hat. Tag für Tag. Sehen diese Leute nicht, dass der Papierspender leer ist? Oder hat die Mensa einfach keine Papiertücher vorrätig?

Händewaschen gehört für mich zur Grundhygiene. Gerade wenn ich mich danach in einem Bereich bewege, in dem mit Essen hantiert wird. Die fehlenden Handtücher verderben mir aber die Lust daran. Es entsteht fast ein bisschen der Eindruck, dass die Mensaleitung gar nicht will, dass sich auf ihren Toiletten jemand die Hände wäscht. Warum sonst funktioniert der Handtuch-Nachschub im Hörsaalgebäude und der Bibo so einwandfrei – in der Mensa aber nicht? Dass die Mensaleitung sich aber so wenig um die Bedürfnisse ihrer zahlenden Gäste kümmert, verdirbt mir jedes Mal den Appetit.

Der Text stammt aus einem Kommentar, den ich diese Woche für Radio UNiCC produziert habe. Hier könnt ihr ihn euch auch anhören:

Viel Vergnügen!

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Blick in die Beliebigkeit: Tuchfühlung Nr. 08 ist da

April 21, 2009 · 7 Kommentare

Tuchfühlung Campusmagazin Ausgabe 08

Die neue Tuchfühlung ist da und ich habe sie mir zwecks Analyse natürlich unverzüglich zugelegt. Wird das Chemnitzer Campusmagazin an den zahlreichen Kritikpunkten ihrer Leser gearbeitet haben? Erwartet uns eine von Grund auf reformierte Tuchfühlung? – Dass dem nicht so ist, verrät eigentlich schon das Titelbild: Auf einem neun mal sechs Felder großen Raster präsentieren sich Chemnitzer Studenten, die sich – so suggerieren zumindest die nackten Schultern – für das Heftcover entblößt haben. Hintergrund und Fotos wirken fast wie aus einer Krankenakte. Die Idee ist nicht neu, es drängen sich Parallelen zum Titelbild des STERN aus dem Jahr 1971 auf. “Wir haben abgetrieben”, lautete die Überschrift damals und der (organisierte) Skandal war perfekt:

Tuchfühlung zitiert den STERN 1971
Zum Vergleich: Links die aktuelle Tuchfühlung – rechts das bekannte STERN-Titelbild aus dem Jahre 1971.

Doch zwischen beiden Titel-Collagen besteht ein himmelweiter Unterschied: Die Gesichter des STERN bekamen durch die Provokation des öffentlichen Gesetzesbruches ihre Aussage – bei der Tuchfühlung sind zwar 54 Bilder da, aber die Aussage fehlt. Ich habe das Editorial gelesen und dann den Rest des Heftes und nirgendwo eine Erklärung gefunden. Das ist schwach und verleiht dem Titelbild den Anschein einer voyeuristischen Effekthascherei, die zum Kauf verleiten soll, jeglichen hintergründigen Inhalt aber schuldig bleibt.

Zu diesem Problem kommt ein weiteres: Ob es um das ewige Thema Auslandsstudium, Fernbeziehungen, den Abriss in Chemnitz oder die Vorstellung der Modell-UN-Gruppe geht – es fehlt dem Heft an einer neuen Herangehensweise an altbekannte Themen, an einer frischen, studentischen Perspektive. Ein Satz im Artikel über das Internationale Universitätszentrum könnte dieses Manko nicht deutlicher machen: “Es [das IUZ] informiert Dich auf seiner Homepage über die Teilnahme an Austauschprogrammen[...]” Genau, auf seiner Homepage. Es besteht keine Veranlassung den Artikel tatsächlich weiter zu lesen, weil sich praktisch alle Informationen – mit Ausnahme einiger ausschließlich lobender Zitate von Austauschstudenten – auch auf der TU-Webseite finden. Die Tuchfühlung will sich von den unieigenen PR-Heften (”TU Spektrum”) abgrenzen, liefert aber teilweise die gleichen Informationen und Geschichten in anderer Hülle. Die Vorstellung des Studienganges Europastudien ist ein einziges PR-Loblied. Zitat: “Die TU Chemnitz ist eine der wenigen deutschen Hochschulen, welche den Bachelorstudiengang Europastudien anbieten. So verwundert es nicht, dass junge Menschen aus allen Gegenden Deutschlands nach Chemnitz kommen und man sie wenige Jahre später, als Experten für Europa, überall auf dem Kontinent antreffen kann.” – Mal abgesehen von der schwammigen Aussage dieses Schlusssatzes, wenn da nicht gut lesbar die Kürzel von mehreren Redakteuren stehen würden, hätte ich glatt Pressesprecher Mario Steinebach hinter dem Artikel vermutet. Und dessen Aufgabe ist es ja auch, die Studiengänge konsequent in ein möglichst gutes Licht zu rücken. Nicht zuletzt leidet der genannte Text, wie überhaupt die gesamte Artikelreihe, aber auch an der nicht vorhandenen Zielgruppe: Wer Europastudien studiert, findet den Studiengang doch schon gut und wer es nicht tut, der liest bestimmt nicht die Tuchfühlung um herauszufinden, was er auch kostenlos in der Studienberatung erzählt bekommt. Weitere Beispiele für diese Art der Berichterstattung sind der schon erwähnte Artikel über die Modell-UN-Delegation und der Artikel über Gebäudeabrisse auf Seite 24. Distanz wird simuliert, dann aber unkritisch das Vokabular der Städteplaner verwendet: ‘Rückbau’ ist aber auch ein schönes Wort für den Abriss von Chemnitzer Stadtteilen in der näheren Zukunft.

Tuchfühlung: Chemnitz in der Welt
Das Titelthema der Tuchfühlung: Klingt wahlweise nach provinzieller Selbstbeweihräucherung oder nach PR-kompatibler Langeweile

Die Tuchfühlung und ihre Umfragen lautete mein letzter Artikel zum Thema, in welchem ich die zweifelhaften Befragungen des Magazins kritisiert hatte. Nicht-zielführende Fragestellungen, unsinnige Antwortkonstellationen und ein Umfrageskript, welches das Verknüpfen von Feldern nicht erlaubt, stellten die Brauchbarkeit der Ergebnisse von Anfang an in Frage. Der jetzt erschienene Artikel zeigt vor allem, mit wie viel Mühe die Redakteure diese Unzulänglichkeiten hinter allerhand schöner Sprache verstecken. Da werden erst uralte und vermutlich gar nicht vorhandene Klischees künstlich aufgebauscht (”Studenten können nicht kochen, bloß auftauen; sie achten nie aufs Verfallsdatum und werden in Notsituationen auch mal zu Langfingern”) und dann – oh Wunder – widerlegt. “Was landet am häufigsten in deinem Einkaufswagen?”, fragte die Tuchfühlung und ließ nur die Möglichkeit der Einfachantwort. Was kauft der typische Student denn nun: Alkohol, Zigaretten oder Süßigkeiten? Natürlich nicht, denn selbst ein Alkoholiker legt sich zu seinem Kornbrand noch eine Packung Nudeln aufs Band. So antworten denn auch 43 Prozent der Teilnehmer, dass sie eben am Häufigsten Grundnahrungsmittel kaufen. Das ist wenig überraschend und verdeckt zugleich, dass hier eine differenzierte Mehrfachantwort  sinnvoller gewesen wäre. Andere Fragen werden einfach gleich ganz ausgeklammert: So bleiben die Autoren schuldig, welche Artikel die Studenten im Uni-Edeka angeblich am häufigsten klauen (Siehe Frage 10: Was hast du schon mal im Uni-Edeka geklaut?).

Auch sonst hat die Tuchfühlung wenig Glück mit der Empirie: Im Artikel “Beziehungsprobe Ferne” heißt es in Bezug auf eine ungenannte Studie, dass jede achte Beziehung in Deutschland eine Fernbeziehung sei. Soweit so gut. Doch dann rechnet das Magazin diesen Wert auf die Studentenzahl der TU Chemnitz um (angeblich gebe es 646 Fernbeziehungs-Studenten!) – was statistisch schlicht unhaltbar, ja grob falsch ist. Von der allgemeinen Bezugsgruppe der Studie kann nicht automatisch auf das völlig unterschiedliche Milieu der Studierenden geschlossen werden! Die tatsächliche Zahl der Fernbeziehungen liegt also eventuell deutlich höher oder niedriger – etwa weil Studenten generell flexibler sind, oder weil jüngere Menschen eher zu einer lockeren Beziehungsstruktur neigen, oder weil in Städten ab 200.000 Einwohnern die Zahl der Fernbeziehungspaare stark ansteigt…usw.

Tuchfühlung mit Audio-CD von LEGO-Sputnik
Tuchfühlung mit Gratis-Gimmick: Auf beigelegter CD spielt die Studentenband L.E.G.O. Sputnik

Die genannten Fehler und Problemfelder sollen aber nicht verdecken, dass es auch eine Reihe gelungener Artikel in der Tuchfühlung Nr. 08 gibt. Gut hat mir dieses Mal die Kolumne von Burkhard Müller gefallen, die einen kritischen Blick auf die ständig wachsende Blechlawine in Chemnitz wirft. Der Autor präsentiert die Parkhäuser als prägende Architektur der Innenstadt und bestätigt damit eine Beobachtung, die ich auch schon gemacht habe: In der “Stadt der Moderne” werden fast ausschließlich Parkhäuser und Tiefgaragen gebaut! Interessant fand ich auch den Artikel von Martina Boch über den Wandel im Flirtverhalten der Chinesen. Schenkt man ihrem Erfahrungsbericht Glauben, dann vollzieht sich hier ein radikaler Wandel, dessen Folgen noch kaum absehbar sind. Ihre verknüpfte Kritik am chinesischen Regierungssystem fällt jedoch – vermutlich auf Grund der Länge des Artikels (eine Seite) – etwas knapp aus.

Ein positives Signal gibt auch die – anscheinend neu eingeführte – Leserbriefseite, die Feedback und Kritik am Heft bündeln soll und mit zwei Erwiderungen gegen die Galgen-Kolumne der letzten Ausgabe aufwartet. Dieses Mal widmet sich die genannte Kolumne der Ausbildung von Rektor Matthes als “Professor der Schweißtechnik” und nimmt – haha superlustig – dies zum Anlass für allerhand leicht pubertäre Wortspiele mit dem Wort Schweiß (Schweißgeschichte hihi, Schweißwirtschaft hoho). Das mag mögen wer will, ich persönlich denke aber die Tuchfühlung tut sich mit derart flachen Banalitäten keinen Gefallen – insbesondere wenn sich die Zeitung sonst ja offenkundig (vgl. den kritischen Artikel über niveauloses Radio auf Seite 36) durchaus einem gewissen Anspruch verpflichtet fühlt.

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